Der Tarifabschluss 2024/25: 4,8 Prozent plus Einmalzahlung
Der IG-Metall-Tarifabschluss vom November 2024 ist das aktuell maßgebliche Regelwerk für rund 3,9 Millionen Beschäftigte der Metall- und Elektroindustrie. Er gilt regional unterschiedlich (Bezirke wie Baden-Württemberg, NRW, Niedersachsen haben je eigene Bezirkstarifverträge mit den Arbeitgeberverbänden), inhaltlich aber bundesweit weitgehend deckungsgleich.
Kernpunkte des Abschlusses:
- Stufe 1 (April 2025): Entgelterhöhung um 2,0 Prozent.
- Stufe 2 (April 2026): Weitere Erhöhung um 3,1 Prozent. Gesamtwirkung damit nominal 5,1 Prozent.
- Einmalzahlung 2024: 600 Euro brutto für alle Beschäftigten, ausgezahlt im Februar 2025. Auszubildende erhielten 300 Euro.
- Laufzeit: 25 Monate, regulär bis Oktober 2026. Friedenspflicht damit über die kritische Phase der konjunkturellen Unsicherheit.
Für einen Industriemechaniker in Entgeltgruppe E5 mit 3.450 Euro Tarif-Brutto vor dem Abschluss bedeutet das konkret: ab April 2025 etwa 3.519 Euro, ab April 2026 rund 3.628 Euro. Plus 600 Euro Einmalzahlung. Plus tariflich vorgeschriebenes Urlaubsgeld und das 13. Gehalt (siehe weiter unten).
Die Praxisempfehlung für Techniker beim Jobwechsel: Tarif-Brutto plus Urlaubsgeld plus Weihnachtsgeld plus tarifliches T-Zug (Tarifliches Zusatzgeld) ergibt das echte Jahreseinkommen, das mit AT-Angeboten (außertariflich) verglichen werden muss. Wer das nicht aufrechnet, verkauft sich systematisch zu billig.
35-Stunden-Woche: was sie wirklich bedeutet
Die 35-Stunden-Woche ist seit 1995 in Westdeutschland tarifvertraglich verankert und bleibt 2026 das prägende Merkmal des IG-Metall-Modells. In Ostdeutschland gilt teils noch die 38-Stunden-Woche, der vereinbarte Angleichungspfad sieht eine schrittweise Reduktion bis 2027/28 vor.
Konkrete Auswirkungen:
- Tägliche Sollarbeitszeit: 7 Stunden bei 5-Tage-Woche.
- Pausen sind nicht eingerechnet (35 Stunden = Netto-Arbeitszeit).
- Überstunden werden tariflich vergütet: erste zwei Stunden 25 Prozent Zuschlag, danach 50 Prozent. Sonn- und Feiertagsarbeit 100 Prozent Zuschlag.
- Mehrarbeitskonten ("Ampelkonten") erlauben es, bis zu 200 Stunden pro Jahr anzusparen und durch Freizeit auszugleichen.
**Für Schichtarbeiter** gelten Sonderregeln: Nachtschichten haben 30 Prozent Zuschlag (statt der gesetzlichen Mindestwerte nach ArbZG), Wochenend-Schichten sind tariflich besser bezahlt als gesetzlich vorgeschrieben. Detail-Berechnungen finden sich im Beitrag zur Schichtarbeit in der Industrie.
Lebensphasenmodell. Seit dem T-Zug-Abschluss 2018 können Beschäftigte mit Kindern, pflegebedürftigen Angehörigen oder nach langer Schichtarbeit zusätzliche freie Tage statt der Sonderzahlung wählen (8 freie Tage pro Jahr). Dieser "T-Zug-A" hat den IG-Metall-Tarif zu einem der modernsten in Europa gemacht.
Entgeltgruppen E1 bis E14: Wo Techniker einsortiert sind
Die Entgeltrahmen-Tarifverträge (ERA) gliedern alle Beschäftigten in 12 bis 14 Entgeltgruppen (je nach Bezirk). Die Einordnung erfolgt anhand der Anforderungen der Stelle, nicht der individuellen Qualifikation. Das ist ein wichtiges Detail: Ein Akademiker auf einer Facharbeiter-Stelle wird in der Facharbeiter-Gruppe eingruppiert.
Typische Einordnung von Technikern (Bezirk Baden-Württemberg, Stand April 2026):
- E2 (ca. 2.700 €): Angelernte Helfer, einfache Tätigkeiten ohne Berufsausbildung.
- E3 (ca. 2.850 €): Maschinenbediener, einfache Anlagenführer.
- E5 (ca. 3.450 €): Industriemechaniker, Elektroniker mit Berufsausbildung, klassische Facharbeiter.
- E6 (ca. 3.700 €): Servicetechniker mit Reisetätigkeit, Inbetriebnehmer Junior.
- E7 (ca. 4.000 €): Erfahrene SPS-Programmierer, EPLAN-Konstrukteure, Servicetechniker Senior.
- E8 (ca. 4.350 €): Spezialisten mit Projektverantwortung, Teamkoordinatoren.
- E9 (ca. 4.700 €): Meister, Techniker mit Personalverantwortung.
- E10 (ca. 5.150 €): Bauleiter, Projektingenieure Junior.
- E11/E12 (ca. 5.600–6.250 €): Ingenieure mit Projekt- und Budgetverantwortung.
- E13/E14 (ca. 6.800–7.700 €): Senior-Ingenieure, Gruppenleiter, kaufmännische Bereichsleitungen.
Praxisempfehlung: Vor einer Gehaltsverhandlung den ERA-Anforderungskatalog des eigenen Bezirks lesen und gegen die tatsächliche Tätigkeitsbeschreibung halten. In rund 20 Prozent der Fälle ist die Eingruppierung niedriger als die tatsächliche Aufgabe – ein Aufstieg in die nächsthöhere E-Gruppe bringt typisch 6 bis 9 Prozent mehr Tarif-Brutto.
Sonderzahlungen: Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld, T-Zug
Das Tarif-Brutto ist nur die halbe Wahrheit. Die Sonderzahlungen machen 12 bis 18 Prozent des Jahreseinkommens aus und werden in der Praxis von Bewerbern oft übersehen.
Urlaubsgeld. Tariflich 50 Prozent des Bruttogehalts, fällig im Juli oder August. Bei 3.700 Euro Brutto sind das 1.850 Euro zusätzlich.
Weihnachtsgeld (Jahressonderzahlung). Tariflich gestaffelt nach Betriebszugehörigkeit: 25 Prozent nach einem Jahr, 35 Prozent nach zwei Jahren, bis 55 Prozent nach drei Jahren. Auszahlung November. Bei 3.700 Euro Brutto und drei Jahren Zugehörigkeit also 2.035 Euro.
T-Zug (Tarifliches Zusatzgeld). Eingeführt 2018, jährlich 27,5 Prozent eines Monatsentgelts (= 1.018 Euro bei 3.700 Euro Brutto), zahlbar im Juli. Wer Schichtarbeit leistet, Kinder oder pflegebedürftige Angehörige hat, kann die Zahlung in 8 freie Tage umwandeln (T-Zug-A).
T-Geld (zweites Bauelement seit 2018). 400 Euro brutto jährlich pauschal an alle Beschäftigten, unabhängig vom Tarifgehalt.
Summe im Rechenbeispiel: Industriemechaniker E5, 3 Jahre Zugehörigkeit, in Baden-Württemberg ab April 2026:
- 12 × 3.628 € Tarif-Brutto = 43.536 €
- + 50 % Urlaubsgeld = 1.814 €
- + 55 % Weihnachtsgeld = 1.995 €
- + 27,5 % T-Zug = 998 €
- + 400 € T-Geld
Gesamt-Jahresbrutto: rund 48.743 Euro. Wer das gegen ein außertarifliches Angebot von 46.000 Euro vergleicht, verzichtet ohne es zu merken auf 2.700 Euro Tarifvorteil – plus 30 Tage Urlaub statt 24 bis 28, plus 35 statt 40 Stunden Woche.
Vergleich AT, CH, Österreich: Wo liegt Deutschland?
Der IG-Metall-Tarifvertrag ist im internationalen Vergleich auffällig stark – auch wenn die nominalen Gehälter in der Schweiz höher liegen.
Außertariflich (AT) in Deutschland. Ab Entgeltgruppe E10 oder E11 werden viele Stellen ins AT-Verhältnis verschoben. Vorteile: höhere Gehaltsverhandlungs-Flexibilität, bei guten Arbeitgebern Boni und Aktienoptionen. Nachteile: keine 35-Stunden-Woche (typisch 40 Stunden), kein Anspruch auf Sonderzahlungen, keine garantierte 30-Tage-Urlaubsregelung (oft 27 bis 30, aber individuell).
Schweiz. Nominell höhere Bruttos (ein SPS-Programmierer mit 5 Jahren Erfahrung verdient in der Schweiz typisch 95.000 bis 110.000 CHF, in Deutschland tariflich 62.000 bis 72.000 Euro). Aber: keine 35-Stunden-Woche (CH gesetzlich 45/50 Stunden Maximum), höhere Lebenshaltungskosten (Faktor 1,5 bis 2 je nach Region), keine vergleichbare betriebliche Altersvorsorge, Krankenversicherung muss privat getragen werden. Nettowirkung relativiert sich.
Österreich. Der Kollektivvertrag der Metallindustrie (KV ME) ähnelt dem IG-Metall-Tarif strukturell stark. 38,5-Stunden-Woche, 14. Gehälter (Urlaubs- und Weihnachtsgeld voll, statt 50 / 55 Prozent), aber niedrigere Stundensätze. Ein E5-Mechaniker liegt in Österreich tariflich rund 8 bis 12 Prozent unter dem deutschen Pendant.
Praxisempfehlung beim Auslandsangebot: Immer Netto-zu-Netto rechnen, Lebenshaltungs-Index berücksichtigen, Krankenversicherung und Altersvorsorge bewerten. Ein Brutto-Vergleich allein ist irreführend. Spezialisierte Personalvermittler im DACH-Raum bieten häufig Vergleichsrechnungen für konkrete Konstellationen.
Häufige Fragen
- Muss mein Arbeitgeber Mitglied im Arbeitgeberverband sein, damit der IG-Metall-Tarif gilt?
- Ja. Tarifgebundenheit entsteht durch Mitgliedschaft im Arbeitgeberverband (Gesamtmetall bzw. die regionalen Verbände wie Südwestmetall, NORDMETALL). Wer nicht Mitglied ist, kann den Tarif freiwillig anwenden ("Anlehnung an Tarif") oder ihn arbeitsvertraglich vereinbaren. Praxisempfehlung: Vor Vertragsunterschrift im Arbeitsvertrag prüfen, ob der Bezug auf den Tarifvertrag in der jeweils gültigen Fassung explizit steht. "In Anlehnung" ist rechtlich unsicherer als die direkte Tarifbindung.
- Was passiert, wenn ich aus einem tarifgebundenen Betrieb in einen AT-Job wechsle?
- Das Brutto-Grundgehalt mag attraktiver wirken, aber die Sonderzahlungen, die 35-Stunden-Woche, die garantierten Urlaubstage und die tariflichen Schutzregelungen entfallen. Praxisempfehlung: Vor Wechsel das echte Jahreseinkommen im aktuellen Job aufrechnen (Tarif × 12 + Urlaubsgeld + Weihnachtsgeld + T-Zug + T-Geld + Schichtzuschläge) und es mit dem AT-Brutto plus Bonus vergleichen. Außerdem die Mehrarbeit kalkulieren: 40 Stunden statt 35 sind 14 Prozent zusätzliche Arbeitszeit ohne extra Vergütung.
- Wie wird in einer E-Gruppe genau eingruppiert?
- Die Eingruppierung erfolgt nach dem ERA-Anforderungskatalog des jeweiligen Bezirks. Bewertet werden Fachwissen, Handlungs- und Entscheidungsspielraum, Kooperationsanforderungen, ggf. Mitarbeiterführung. Jeder Anforderungspunkt gibt eine bestimmte Punktezahl, deren Summe über die E-Gruppe entscheidet. Der Betriebsrat hat ein Mitbestimmungsrecht bei Eingruppierungen (§ 99 BetrVG). Wer Zweifel hat, kann den Betriebsrat oder die IG Metall direkt um Überprüfung bitten.
- Gilt die 35-Stunden-Woche auch für Schichtarbeiter?
- Ja, die wöchentliche Sollarbeitszeit beträgt für alle 35 Stunden. Schichtarbeiter haben zusätzlich Anspruch auf Schichtzuschläge (Nachtschicht 30 Prozent über IG-Metall-Tarif, gesetzlich nur 25 Prozent), tariflich teilweise auf zusätzliche freie Tage durch das T-Zug-A-Modell und auf einen Anspruch auf Wechsel in die Tagschicht ab 50 Jahren oder nach 15 Jahren Schichtdienst (regional unterschiedlich geregelt). In Ostdeutschland gilt teilweise noch die 38-Stunden-Woche, der Angleichungspfad wurde im Abschluss 2024 verbindlich festgelegt.
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