Marktverteilung in DACH 2026: Wer dominiert wirklich?
In 35 Engineering-Projekten 2026 zeigt sich ein klares Bild: Siemens TIA Portal dominiert mit etwa 65 Prozent der Anforderungen, Beckhoff TwinCAT 3 wächst auf rund 25 Prozent, der Rest verteilt sich auf Codesys, B&R und Rockwell. Das deckt sich mit Rückmeldungen von Engineering-Leitern aus Bayern, Baden-Württemberg und NRW.
Der klassische Anlagenbau, Pharma, Lebensmittel, Stahl, Energieversorgung, fährt fast ausschließlich Siemens. Ein Pharma-Hersteller in Biberach suchte letztes Jahr für eine Reinraum-Linie ausschließlich Step7- und TIA-Profile, weil die Validierungsdokumentation seit 15 Jahren auf Siemens läuft. Wechsel? Nicht wirtschaftlich darstellbar.
TwinCAT zieht dagegen überall dort, wo Geschwindigkeit und Flexibilität schlagen: Sondermaschinenbau, Halbleiter-Equipment, Verpackungs-OEMs, Robotik-Integration. Ein OEM aus dem Allgäu suchte 2026 vier SPS-Programmierer mit TwinCAT-3-Erfahrung, weil die Zykluszeiten unter 250 Mikrosekunden liegen mussten, mit TIA hätte das 4 bis 5 mal so viel Hardware gekostet.
Codesys ist der dritte Player, oft auf Wago-, Eaton- oder Lenze-Hardware. Bei kleineren Mittelständlern und in der Gebäudeautomation verbreitet, in der DACH-Industrie aber selten als Hauptkompetenz nachgefragt.
Das Fazit nach 35 Engineering-Projekten: Wer beide großen Plattformen sauber kann, hat die freie Wahl beim Arbeitgeber.
Siemens TIA Portal: Stärken, Schwächen, Realität
Siemens TIA Portal V18 und V19 ist die unangefochtene Standardplattform im deutschen Anlagenbau. Die Stärken sind ehrlich: integrierte HMI-Entwicklung mit WinCC, hervorragende Diagnose-Tools, Safety Integrated für sicherheitsgerichtete Programmierung, und ein riesiges Ökosystem an Schulungen, Foren und Standardbibliotheken. Wer aus dem Step7-Classic-Lager kommt, findet sich in TIA nach zwei bis drei Wochen zurecht.
Die Schattenseiten sind aber genauso real. Der Lizenz-Druck ist 2026 spürbar geworden: TIA Portal Professional, WinCC Advanced, Safety Advanced, Startdrive, die Lizenzkosten für eine vollständige Engineering-Workstation liegen schnell bei 8.000 bis 12.000 Euro pro Platz. Der Footprint der Installation ist mit 40+ GB enorm, die Performance auf älterer Hardware quält. Ein Inbetriebnehmer, der nach Stuttgart wechselte, brauchte einen Workstation-Wechsel auf 32 GB RAM und SSD, bevor TIA V19 wirklich flüssig lief.
Neue Versionen bringen häufig Inkompatibilitäten zu V17- oder V18-Projekten, was Migrationsprojekte zur eigenen Disziplin macht. Step7-Classic-Projekte (S7-300/400) lassen sich nur teilweise automatisch nach TIA portieren, Handarbeit bleibt.
Der Vorteil bleibt aber: In Pharma, Chemie, Energie und Automotive-Bodyshops ist TIA gesetzt. Wer hier produktiv programmieren kann, ist auf den nächsten zehn Jahre ausgelastet. Für SPS-Inbetriebnehmer ohne TIA-Erfahrung empfiehlt sich eine Aufstockung — ohne TIA Portal halbiert sich der Bewerber-Markt.
Beckhoff TwinCAT 3: PC-basiert und kompromisslos schnell
Beckhoff TwinCAT 3 (aktuell 3.1.4024.x) ist das Gegenmodell zu Siemens: PC-basiert, integriert in Microsoft Visual Studio, läuft echtzeitfähig auf Standard-Industrie-PCs (IPC) statt auf proprietärer SPS-Hardware. Der Effekt ist drastisch: Zykluszeiten von 50 bis 250 Mikrosekunden sind auf einem mittelklasse Beckhoff-IPC realistisch, dazu kommt EtherCAT als Feldbus mit Latenzen unter 100 Mikrosekunden.
Die Programmierung folgt IEC 61131-3 wie bei TIA, aber TwinCAT bringt seit Version 3 echtes Object-Oriented Programming mit Klassen, Interfaces und Vererbung. Wer aus C++ oder C# kommt, fühlt sich heimisch. Motion-Control, CNC, Robotik und Vision sind nativ integriert, kein Zukauf, keine Drittanbieter-Bibliotheken. Ein Sondermaschinenbauer aus dem Schwarzwald, den wir betreuen, hat sechs Achsen synchron mit Bildverarbeitung auf einem einzigen IPC laufen, mit Siemens wären drei separate Steuerungen plus Sinamics-Antriebsregler nötig gewesen.
Die Schwächen: Schulungs-Angebot ist deutlich dünner als bei Siemens, Beckhoff-zertifizierte Trainer sind in DACH rar. Foren und Community sind aktiv, aber kleiner. Wer als Quereinsteiger TwinCAT lernen will, ist stärker auf Selbststudium und Beckhoff-eigene TF-Doku angewiesen.
Und: TwinCAT lebt von Beckhoff-Hardware. ADS-Routing, EtherCAT, IPCs, alles ein geschlossenes Ökosystem. Wer Multi-Vendor-Setups bauen muss, kommt schneller an Grenzen als bei Siemens.
Welche Skills Recruiter 2026 wirklich sehen wollen
Aus rund 35 Engineering-Projekten sind die Skill-Listen der Industriekunden gut bekannt — und es sind nicht die Buzzwords aus den Stellenanzeigen.
TIA-Profile, die 2026 gehen:
- Step7-Classic-Migration auf TIA V18/V19 (S7-300/400 → S7-1500), wird aktiv in Pharma und Energie nachgefragt
- Safety Integrated mit F-CPUs und PROFIsafe, Pflicht in Automotive und Anlagenbau
- OPC UA Server/Client auf S7-1500, in nahezu jedem Projekt nachgefragt
- WinCC Unified statt klassisches WinCC RT, noch selten, aber stark wachsend
- TIA Openness für automatisierte Codegenerierung, Bonus, kein Muss
TwinCAT-Profile, die 2026 gehen:
- TcCOM-Module und ADS-Routing über mehrere IPCs hinweg
- Saubere OOP-Strukturen (Klassen, Interfaces, FB_Init), kein "spaghetti FBD"
- TwinCAT 3 Motion Control (NC, NCI, Cam) für Mehrachs-Maschinen
- MATLAB/Simulink-Anbindung über TE140x, im Antriebs- und Reglerumfeld stark
- EtherCAT-Diagnose und Topologie-Verständnis
Ein Automotive-Tier-1 in Sindelfingen teilte Anfang 2026 explizit mit: "Schicken Sie uns niemanden, der nicht mindestens drei Jahre OOP in TwinCAT gemacht hat." Reine FBD- und KOP-Programmierer sind dort raus.
Wer TIA und TwinCAT auf vergleichbarem Niveau kann, gehört zu den 5 bis 10 Prozent der Bewerber, die in jedem Projekt in die engere Auswahl kommen.
Karriere-Pfad: Spezialisierung oder Hybrid-Profil?
Die ehrliche Frage, die uns Bewerber 2026 am häufigsten stellen: "Soll ich mich auf eine Plattform festlegen oder beide lernen?"
Spezialisierung zahlt sich kurzfristig aus. Ein reiner TIA-Spezialist mit 5+ Jahren Pharma-Erfahrung verdient in Süddeutschland 2026 zwischen 65.000 und 75.000 Euro brutto, mit Inbetriebnahme-Reisebereitschaft schnell 80.000+. Ein reiner TwinCAT-Spezialist mit OOP, Motion und EtherCAT-Tiefe liegt bei 70.000 bis 80.000 Euro, im Sondermaschinenbau und Halbleiter-Umfeld auch 85.000+. Spezialisten haben kürzere Einarbeitung, höhere Produktivität, klare Marktnische.
Hybrid-Profile sind selten und werden 2026 sehr gut bezahlt. Ein Inbetriebnehmer, der nach München wechselte, TIA + TwinCAT, jeweils 6 Jahre, plus Safety und OPC UA, ist bei 88.000 Euro plus Bonus eingestiegen. Der Arbeitgeber wollte ihn unbedingt, weil er beide Anlagen-Generationen am Standort warten kann.
Der Nachteil von Hybrid: Die Lernkurve ist real. Wer ernsthaft beide Plattformen produktiv beherrschen will, braucht 18 bis 24 Monate intensive Projektpraxis, nicht "ich hab mal ein Tutorial gemacht". Und: TIA und TwinCAT denken unterschiedlich. Wer von TIA kommt, muss sich aktiv von der "ein Programm = ein OB" Denkweise lösen.
Praxisempfehlung an Berufseinsteiger: erst eine Plattform sauber lernen (mindestens 3 Jahre Projekt-Praxis), dann die zweite gezielt aufsetzen. Wer mit Halbwissen in beiden Welten unterwegs ist, fällt im technischen Interview auf.
Welche Zertifikate wirklich zählen, und welche nicht
Der Markt ist voll mit Zertifikaten, aber nicht alle sind im Gespräch mit dem Engineering-Leiter etwas wert. Das wurde bei Engineering-Projekten genau ausgewertet, Details zu Inhalten und Anbietern sind im Ratgeber SPS-Programmierer Zertifikate zusammengefasst.
Im Siemens-Umfeld zählen:
- SCE-Zertifikate (Siemens Cooperates with Education) auf den Stufen TIA Portal Basic, Advanced und Safety, das ist die gängige Referenz
- Siemens Service-Zertifikate für Inbetriebnehmer, sehr gefragt bei Anlagenbauern mit Wartungsverträgen
- TIA Openness Trainings, noch nicht Standard, aber zunehmend Pluspunkt
Im Beckhoff-Umfeld zählen:
- TC3-Trainer-Zertifikate mit Fokus auf TwinCAT 3, OOP und Motion, das ist der Goldstandard
- EtherCAT-Diagnose-Zertifikate der ETG (EtherCAT Technology Group), Bonus, kein Muss
Generisch wertvoll:
- IHK-Aufstiegsfortbildung zum Industrietechniker oder Techniker (Fachrichtung Elektrotechnik/Mechatronik), öffnet Türen zu Festanstellungen, die einem reinen Quereinsteiger verschlossen bleiben
- OPC UA / OPC Foundation Zertifizierungen, branchenübergreifend nützlich
Was wenig bringt: generische "Online-Akademie"-Zertifikate ohne Hardware-Praxis, kurzlebige Microsoft-/IBM-Bescheinigungen ohne SPS-Bezug, und alles, was nicht durch konkrete Projekt-Referenzen belegt werden kann. In technischen Interviews wird das Zertifikat geprüft, wer den Inhalt nicht beherrscht, verliert sofort an Glaubwürdigkeit.
Häufige Fragen
- Welche Plattform sollte ich als Berufseinsteiger zuerst lernen?
- Klare Empfehlung: TIA Portal V18/V19. Der Markt ist mit rund 65 Prozent Marktanteil in DACH einfach zu groß, das Schulungs-Angebot zu breit, die Standardbibliotheken zu reichhaltig. Wer mit TIA startet, hat nach drei Jahren Projekt-Praxis ein robustes Fundament für Pharma, Chemie, Energie und Automotive-Bodyshops. TwinCAT 3 als zweite Plattform aufzusetzen ist später deutlich einfacher als umgekehrt, Sie haben dann SPS-Denkweise, IEC 61131-3 und Diagnose-Skills schon verinnerlicht und müssen "nur" die OOP-Erweiterungen und das Visual-Studio-Umfeld lernen.
- Sind Beckhoff-Skills bei deutschen Mittelständlern weniger gefragt?
- Das stimmt nur eingeschränkt. Im klassischen Anlagenbau-Mittelstand (Maschinen für Lebensmittel, Pharma, Stahl) ja, dort dominiert Siemens klar. Im Sondermaschinenbau, bei OEMs für Verpackung, Halbleiter und Robotik sieht es anders aus: viele bayerische und baden-württembergische Mittelständler mit 50 bis 500 Mitarbeitern setzen aus Performance- und Kostengründen voll auf TwinCAT. Wer im OEM-Sondermaschinenbau zuhause ist, findet 2026 mehr TwinCAT-Stellen als reine TIA-Stellen.
- Wie groß ist der Gehaltsunterschied zwischen TIA- und TwinCAT-Programmierern?
- Bei vergleichbarer Erfahrung (5+ Jahre) liegt TwinCAT laut Engineering-Projekten 2026 etwa 3.000 bis 8.000 Euro brutto pro Jahr über TIA, TIA: 65.000 bis 75.000 Euro, TwinCAT: 70.000 bis 80.000 Euro. Der Aufschlag entsteht durch das knappere Angebot an qualifizierten TwinCAT-Programmierern, vor allem mit OOP-Tiefe und Motion-Control-Erfahrung. Inbetriebnehmer mit Reisebereitschaft liegen in beiden Plattformen 5.000 bis 10.000 Euro über reinen Office-Programmierern. Hybrid-Profile (TIA + TwinCAT, jeweils belastbar) erreichen 85.000+ regelmäßig.
- Lohnt sich Codesys 2026 noch zu lernen?
- Als Hauptkompetenz nicht, die Marktnachfrage ist mit rund 10 Prozent zu klein, um darauf eine DACH-Karriere aufzubauen. Als Zusatz-Skill durchaus: Wago-, Eaton-, Lenze- und ABB-Hardware läuft oft auf Codesys, in der Gebäudeautomation und in Hydraulik-Anwendungen ist Codesys verbreitet. Wer TIA oder TwinCAT als Hauptplattform hat und Codesys obendrauf, deckt einen breiteren Projektpool ab. Reine Codesys-Spezialisten haben es 2026 schwerer, gut bezahlte Industrie-Stellen zu finden.
- Wie lange dauert der Wechsel von TIA auf TwinCAT in der Praxis?
- Realistisch 9 bis 18 Monate, bis ein TIA-erfahrener Programmierer in TwinCAT 3 produktiv abliefert. Die ersten 3 Monate gehen für IEC-61131-3-Feinheiten, Visual-Studio-Umgebung, ADS und Bibliotheks-Strukturen drauf. Danach kommen 6 bis 9 Monate intensives OOP, wer nie mit Klassen, Interfaces oder Vererbung programmiert hat, braucht echte Projekt-Praxis, kein Tutorial. Motion-Control und EtherCAT-Diagnose noch mal 3 bis 6 Monate obendrauf. Wer parallel zu seinem TIA-Hauptjob Abend-Projekte in TwinCAT macht, schafft den Wechsel realistisch in 12 bis 15 Monaten.
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